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Freitag, 18. August 2006

Vom Fräulein zur Frau

Von fraue, 16:16


Fräulein war bis in die 1980er Jahre die förmliche Anrede für
unverheiratete Frauen (gleich welchen Alters), das in der Schriftform
(Briefanrede) verbindlich und zumindest in den 1950er und 1960er Jahren auch im
mündlichen Gebrauch noch üblich war. Vergleichbare Ausdrücke finden sich
auch in anderen europäischen Sprachen (z.B. "Miss" im Englischen,
"(Ma)Demoiselle" im Französischen, "señorita" im Spanischen, "Signorina" im
Italienischen, "Fröken" im Schwedischen, "Maighdeann-uasal" im
Schottischen Gälischen, und "Iníon" oder "Ógbhean-uasal" im Irischen
Gälischen..).

Ursprünglich war die Anrede "Fräulein" auf Standespersonen beschränkt.
"Frau" bzw. mhd. "frouwe" war keine Geschlechtsbezeichnung (dafür hatte
man "Weib" bzw. mhd. "wip"), sondern die Bezeichnung einer Fürstin; so
wie auch "Herr" keine Anrede für jedermann, sondern für den Lehnsherren
war. Entsprechend bezeichneten das "Fräulein" die Fürstentochter und
der "Junker" – der 'junge Herr' – den Fürstensohn, während die "Jungfer"
bzw. der "Jungmann" junge Frauen und Männer unabhängig von ihrem
sozialen Stand bezeichneten. Diese ursprüngliche Bedeutung von "Fräulein"
taucht noch z.B. in Goethes Faust auf, wenn Faust Gretchen mit den Worten
anspricht:

Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,
Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?

Da Gretchen eine Person niederen Stands ist, ist das als eine bewusst
galante Anrede zu verstehen, mit der Faust Gretchen nach allen Regeln
der (höfischen) Kunst 'anflirten' will. Sie entgegnet so sachlich korrekt
wie ungalant:
Bin weder Fräulein, weder schön,
Kann ungeleitet nach Hause gehn. (vv.2605ff.)

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert etablierte sich die
"Fräulein"-Anrede vor allem für berufstätige Frauen (z.B. Angestellte in
Warenhäusern, Kellnerinnen und Lehrerinnen), da weibliche Berufstätigkeit
damals noch strikt auf die Zeit vor der Ehe beschränkt war. Man denke z.B.
an das berühmte "Fräulein Rottenmeier" aus Johanna Spyris Heidi. Nach
1945 wurde das "doitsche Froilain" von den in Deutschland stationierten
amerikanischen GIs entdeckt und das "Fräulein" ging als Fremdwort ins
Englische ein. Seitdem existiert auch die sprichwörtliche Redensart vom
"Deutschen Fräuleinwunder".

Heutzutage ist die Anrede "Fräulein" für junge Frauen in Deutschland
und Österreich nicht mehr im Gebrauch. Die Frauenbewegung der 1970er
Jahre kritisierte den Diminutiv "Fräulein" wegen der gesellschaftlichen
Werte und Vorstellungen, die darin zum Tragen kommen: So als ob eine
weibliche Person erst dann als erwachsene Frau gelten könne, wenn sie
heiratet, während ein Mann immer schon ein vollwertiger "Mann" ist. Denn der
"Junker" hatte keine vergleichbare Wortgeschichte bis ins bürgerliche
Zeitalter hinein und der "Jungmann" hat sich nur als Schimpfwort für den
Hagestolz erhalten, nicht als formelle Kategorie. Ein neues männliches
Pendant zu "Fräulein" wie etwa "Männlein" zu bilden, würde wohl
niemandem in den Sinn kommen. In den 1980er Jahren wurde das "Fräulein" von
Amts wegen abgeschafft. Überlebt hat das Wort "Fräulein" als Anrede für
eine weibliche Bedienung in einem Café oder Restaurant, aber auch diese
Verwendung stirbt – wie das männliche Pendant "Herr Ober!" – in
Deutschland langsam aus. An deren Stelle bürgert sich mehr und mehr ein
informelles "Hallo!" oder "Entschuldigung!" ein.